Pressearbeit: Das neue Handelsblatt Magazin

Als PR-Frau, die ihre Kunden in die Medien bringt, freue ich mich über jede neue Publikation, egal ob Print oder Online. Heute ist das seit mehreren Wochen angekündigte Handelsblatt Magazin erschienen. Im Editorial schreibt Chefredakteur Thomas Tuma, das neue Handelsblatt-Magazin wolle mit einem anderen Blick auf die Wirtschaft begeistern. Weil es auch die anderen Seiten der Wirtschaft zeige: Innovationen, Ideen, Werte. Klingt vielversprechend, doch ein Blick auf das Heft ernüchtert. Die optische Anmutung ist die einer Flughafen-Business-Lounge: elegant, vorhersehbar, austauschbar.

Der Inhalt wirkt ähnlich beliebig und scheint mir mit jedem Kundenmagazin von Breuninger oder Deutscher Bahn vergleichbar: Ackermann-Interview (Interview mit einem Häuptling des Big Business) und Bericht einer Fotoausstellung über Superreiche (als kleiner Anreiz, sich doch weiterhin nach der Decke zu strecken?). Als Bilderrätsel gibt es den Büroblick von Jens Weidmann (soll mich der Blick auf Frankfurt etwa neidisch machen?) Ferner: Tipps zu Luxusmode, Design und Accessoires (brauche ich dafür das Handelsblatt-Magazin?). Nix Neues soweit. Oder habe ich etwas übersehen? Es sollte doch um Werte gehen.

Also ein zweiter Blick auf das Gespräch mit dem Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und seiner Tochter Catherine Ackermann. Gut gestellte Fragen, hier sind Handelsblattredakteure auf ihrem Terrain. Die Antworten: Da reden zwei, die es geschafft haben, deren Eltern es aber auch schon geschafft hatten. O-Ton Catherine: „Bei uns in der Familie zählten Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit.“ Klare Ansage. Doch wo bleibt der Erkenntnis-Wert?

Dafür bräuchte es mehr Kontrast. Wie halten es der kleine Mann oder die kleine Frau mit Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit? (Mal abgesehen davon, dass diese Begriffe vielleicht nicht zu ihrem aktiven Wortschatz gehören?) Wie sieht es aus am unteren Ende der Wirtschaftsskala? Da, wo am Ende des Geldes noch Monat übrig ist? Wo kein Skifahren und Golfen drin ist. Da, wo sogar das örtliche Schwimmbad zu teuer ist, weil es seit seinem Umbau zum Erlebnisbad keine billigen Jahreskarten mehr verkauft.

Punktuell streift das Ackermann-Interview diese Kontraste. Etwa da, wo Vater Ackermann äußert, durch seine Tochter habe er „viel über die prekären Verhältnisse gelernt“. Ein anderer Blick hätte erhellen können, welche Werte diese Wirtschaftsteilnehmer motivieren. Gehen wir zum nächsten Text: einem Kommentar von Bahnchef Rüdiger Grube. Ehemaliger Hauptschüler, dann Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn. Er fordert, die verborgenen Potenziale der Gesellschaft zu heben. Als einer, der den sozialen Aufstieg geschafft hat, darf er das. Sein Kommentar trifft den Punkt, bleibt ohne einen ergänzenden Bericht im Heft aber hohl. Ein Magazin, dass sich Werte auf die Fahnen geschrieben hat, müsste anschaulich machen, was verloren geht, wenn die Gesellschaft auseinanderdriftet und Potenziale nicht gehoben werden. Es könnte zeigen, wo im Kleinen der soziale Aufstieg gelingt oder wo Werte gelebt werden, obwohl die Gesellschaft dafür kein Geld bezahlt. Solche Geschichten zu erzählen, ist anspruchsvoll und der Blick müsste sich dafür deutlich entfernen von den Bilanzpressekonferenzen und anerkennen, dass Wirtschaft nicht nur bei den Größten, Tollsten, Wichtigsten zu finden ist. Anders gesagt, ein Magazin, das sich den anderen Blick vorgenommen hat, müsste sich vielleicht als Erstes von der Handelsblatt-üblichen Sicht von den und auf die männlichen Entscheider lösen. Davon sehe ich in der ersten Ausgabe nichts.

Noch weitere uneingelöste Versprechen? Der Zeitschrift Horizont erklärt Magazinchefredakteur Thomas Tuma, er wolle mit dem Handelsblattmagazin auch die weibliche Zielgruppe ansprechen.

Als weibliche Handelsblattabonnentin gehöre ich wohl dazu. Was mich ansprechen würde? Zum Beispiel keine Berichte, die sich ausschließlich an männliche, konservative Leser richten, obwohl genau darauf die Anzeigen zielen: Füller, Taschen für Männer, Autos, Herrenanzüge, Männeruhren, anthrazitfarbene Bäder. Ein weibliches Heft ginge anders. Es hätte mehr Humor und Vielfalt und es würde auch wirtschaftlich tätige Frauen zeigen. Allerdings nicht nur die an einer Hand abzuzählenden Dauerprotagonistinnen der deutschen Wirtschaftspresse, sondern auch mal unbekannte, ärmere. Und ebensolche Männer. Es würde vielleicht Wirtschaftsfaktoren darstellen, die nicht dicke Autos fahren, aber dennoch zum Wohlstand und Wohlbefinden der Gesellschaft beitragen. Leute, die unbezahlt Ehrenämter verrichten. Oder die mit Kids aus prekären Verhältnissen spielen. Und so vielleicht dazu beiträgen, dass diese Kids später nicht Sozialhilfe beantragen, sondern Selbstvertrauen gewinnen und den Aufstieg schaffen. Befürchtet man, dass ein derart geweiteter Blick auf die Wirtschaft den Anzeigenkunden missfällt? Wenn ja, sollte der Chefredakteur nicht so sehr darauf pochen, dass das Heft, das handwerklich solide, aber gänzlich normale Anzeigen-Ködermasse ist, anders sei.

Denn wirklich anders geht anders.

 

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